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Goethes Idee einer Forschergemeinschaft

Iris Hennigfeld (DE)

Goethe ist davon überzeugt, dass die wahren Gefechte zur Lösung einer Krise nicht auf dem Schlachtfeld, sondern auf geistigem Gebiet und – in zeitgemäßer Weise – innerhalb der Wissenschaften auszutragen seien. Hierbei spielt für ihn die Idee einer Forschergemeinschaft eine wesentliche Rolle. Es ist von hoher Symbolkraft, dass Goethe während der Belagerung von Mainz 1793, mit der Aufgabe eines Kriegsberichterstatters betraut, wie bereits während des Frankreichfeldzuges im Vorjahr, seine optischen Studien weiterführt und die verschiedenen Perspektiven der Wissenschaftler aus unterschiedlichen Gebieten und auch der Künstler auf dieses Thema darlegt. Die Fruchtbarkeit dieses Kollektivs ist offenkundig: Goethes Farbenkreis erhält in Marienborn erstmalig seine Gestalt, ebenso kann der schriftliche dritte Teil seiner Beiträge zur Optik (1791/92) mit den wichtigsten Gegenthesen zu Newtons Lehre von der Refraktion des Lichtes hier weitgehend beendet werden.


Der Naturforscher Goethe setzt sich zeit seines Lebens intensiv mit der wissenschaftlichen und philosophischen Überlieferung auseinander. Hinzu kommt ein persönlicher mündlicher und schriftlicher Austausch mit Naturforschern seiner Zeit – vor allem in den Gebieten, die im Zentrum seiner eigenen Forschung stehen wie die Biologie, Anatomie und Physik. Dabei geht es Goethe nicht in erster Linie darum, vorhandene Resultate und übernommenes Vorwissen ungeprüft für die eigenen Untersuchungen geltend zu machen und auf diese Weise möglichst schnell zu anwendbaren, äußeren Erfolg versprechenden Resultaten zu gelangen. Vielmehr wird er immer wieder „durch den Widerstreit“[1] mit bestehenden Begriffen und Lehren zu einem eigenen – es ließe sich auch sagen voraussetzungslosen – Anfang in der Forschung angeregt. Die eigenen Voraussetzungen sind jedoch nicht gleich zu Beginn der Forschung bereits bewusst. Sie können im Laufe phänomenologischer Forschung dann immer deutlicher zu Tage treten, wenn der Forscher sich stetig über die eigene Blickrichtung Rechenschaft abgibt und in einer Forschergemeinschaft kommuniziert, die demselben phänomenologisch-vorurteilsfreien Ansatz verpflichtet ist. Goethes Praxis des Widerspruchs besteht nicht (nur) in einem theoretischen, schriftlichen Diskurs über die Dinge bzw. die Meinungen der anderen über die Dinge, sondern vor allem darin, das erworbene Wissen zunächst in der eigenen Anschauung zu prüfen und, wenn sich ein Widerspruch ergibt, selbst in vielfältigen Experimenten neu zu erforschen. Prominente Beispiele etablierter Lehren, die Goethes ausdrückliche Kritik herausfordern, sind die Taxonomie des schwedischen Naturforschers Carl von Linné sowie Isaac Newtons Lehre von der Refraktion des Lichtes.


In wissenschaftstheoretischer Sprache formuliert Goethe die Idee einer Forschergemeinschaft in seinem Essay Der Versuch als Vermittler von Objekt und Subjekt (1792). In diesem Kontext vertritt Goethe die Ansicht, dass „das Interesse mehrerer auf Einen Punkt gerichtet etwas Vorzügliches hervor zu bringen im Stande ist“[2]. Hiermit nimmt Goethe die Botschaft vorweg, die drei Jahre später der Mann mit der Lampe in seinem Märchen (1795) verkündet: „Ein einzelner hilft nicht, sondern wer sich mit vielen zur rechten Zeit vereinigt“, heißt es hier. Wenn mehrere ihr Interesse auf einen Punkt richten, so ließe sich Goethes Anliegen in phänomenologischer Hinsicht deuten, ermöglicht dies einen multiperspektivischen Blick auf ein und dieselbe Sache und deren Wahrheit, damit zugleich eine möglichst umfassende Erkenntnis der Wesensfülle der betreffenden Sache. Wichtig ist, dass Goethe nicht von einer vorgefassten moralischen Vorstellung diese Forschergemeinschaft ableitet, sondern diese von der Sache selbst, das heißt vom Wesen des Wissenschaftlichen selbst her gefordert scheint. Denn speziell im Bereich des Wissenschaftlichen gilt ihm zufolge dass „sie viele Menschen trägt, wenn gleich kein Mensch tragen kann“[3].


Goethe stellt den Gewinn einer Forschergemeinschaft nicht nur für den Gegenstand, der im Fokus des Interesses steht, sondern ebenso für die eigene Forscherpersönlichkeit heraus. Denn in dem Moment, in dem der Forscher seine Erfahrungen deuten und in der wissenschaftlichen Praxis von den Wahrnehmungen zum Urteil übergehen will, lauern Goethe zufolge zunächst die vielfältigen „inneren Gefahren“ der Erkenntnis. Hierzu gehören: „Einbildungskraft, Ungeduld, Vorschnelligkeit, Selbstzufriedenheit, Steifheit, Gedankenform, vorgefaßte Meinung, Bequemlichkeit, Leichtsinn, Veränderlichkeit“[4]. Hinzu kommen „Neid“ und „unmäßige Begierde“[5], was persönlichen Ehrgeiz und Konkurrenzkampf zur Folge hat. Zu überwinden wären diese „subjektive[n] Trübungen“[6] des Blickes zugunsten einer Zusammenarbeit von entsagenden Menschen, die nach demselben Ziele streben. Es bedarf zu diesem Ziel einer stetigen kritischen Selbstreflexion des naturforschenden Geistes, der nach Goethe „sein eigner strengster Beobachter“ und „immer gegen sich selbst mißtrauisch“[7] zu sein habe. Diese Praxis einer Selbstentsagung könnte unter dieser Bedingung den Raum für eine Auseinandersetzung, die ganz der Sache und nicht mehr selbstbezogenen Zielen gelten würde, eröffnen


Doch worin genau besteht diese Sache, dem sich der Forscher hinzugeben hätte? Der eine Punkt, auf den verschiedene Menschen ihr Interesse zu richten hätten, um eine Forschergemeinschaft im ursprünglichen Sinne bilden zu können, kann nicht irgendein äußerer Gegenstand, ein gemeinsames Thema oder Verfahren im gewöhnlichen Sinne sein, sondern jener Punkt ist Goethe zufolge allein die Idee. Nur sie sei ewig und einzig“[8] und so ließe sich ergänzen, in allen Menschen, die auf den verschiedenen Wegen ihrer Forschung zu ihr gelangen, dieselbe. Diese Idee widersetzt sich zugleich jeglicher Form eines wissenschaftlichen Reduktionismus. Rudolf Steiner äußert sich prägnant über die Bedeutung der Idee im Goetheschen Sinne für eine Forschergemeinschaft in Einleitungen zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften: „Es kommt überhaupt gar nicht darauf an, daß die einzelnen Urteile und Begriffe, aus denen sich unser Wissen zusammensetzt, übereinstimmen, sondern nur darauf, daß sie uns zuletzt dahin führen, daß wir in dem Fahrwasser der Idee schwimmen. Und in diesem Fahrwasser müssen sich zuletzt alle Menschen treffen, wenn sie energisches Denken über ihren Sonderstandpunkt hinausführt.“[9] 

 

Literatur


Johann Wolfgang Goethe: Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens. Münchner Ausgabe (MA). 33 Bände. Hg. von Karl Richter in Zusammenarbeit mit Herbert G. Göpfert, Norbert Miller, Gerhard Sauder und Edith Zehm. München 2006.

– Band 4.2: Wirkungen der Französischen Revolution 1791-1797. Hg. von Klaus H. Kiefer, Hans J. Becker, Gerhard H. Müller u.a.

– Band 17: Wilhelm Meisters Wanderjahre. Maximen und Reflexionen. Hg. von Gonthier-Louis Fink Gerhart Baumann und Johannes John.


Rudolf Steiner: Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften. Rudolf Steiner Gesamtausgabe, Band 1. Dornach/Schweiz 1987.


Herbert Witzenmann: „Goethes Idee des Experiments und die moderne Naturwissenschaft“, in: Intuition und Beobachtung, Band 1: Das Erfassen des Geistes im Erleben des Denkens. Stuttgart 1977, S. 35-58.


[1] MA 18.2:443.

[2] MA 4.2:324.

[3] MA 4.2:324.

[4] MA 4.2:323.

[5] MA 4.2:323.

[6] Herbert Witzenmann beschreibt im Anschluss an Goethe und Rudolf Steiner mit seinen Worten den Prozess der Selbstüberwindung: „Wenn das Erkennen durch Überwindung subjektiver Trübungen fähig wird, das Wesen der Dinge zu erfassen, dann lebt sich der Erkennende in die Ordnungen ein, welche die Wirklichkeit durchziehen. In diesen Ordnungen und ihnen gemäß finden sich die verschiedenen nach Erkenntnis Strebenden zusammen. Denn was sie ihrer Subjektivität trennt, überwinden sie im Erkennen.” Herbert Witzenmann: „Goethes Ideen des Experiments und die moderne Naturwissenschaft“, S. 47.

[7] MA 4.2:323.

[8] MA 17:783.

[9] Rudolf Steiner: Einleitungen in Goethes naturwissenschaftliche Schriften, S. 174.


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