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Kognitives Empfinden

Nigel Hoffmann (AU)


Die gängige Meinung ist, dass Gefühle nicht Teil der wissenschaftlichen Methode sind. Eigenschaften wie Farbe, Geschmack, Ton, Form und Beschaffenheit sowie die lebendigen Prozesse des Wachstums und der Metamorphose finden nur in dem Maße Eingang in das konventionelle wissenschaftliche Verständnis, in dem sie quantifiziert werden können. Demgegenüber erkennt die ganzheitliche Wissenschaft, dass Qualitäten nicht von den Phänomenen ausgeschlossen werden können; Lebewesen offenbaren sich durch ihre Qualitäten und Verwandlungen. Nur eine Wissenschaft, die Qualitäten und lebendige Prozesse denken kann, kann mit Recht als Lebenswissenschaft bezeichnet werden.


Das Fühlen oder Empfinden kann an Qualitäten und Wachstumsprozessen teilnehmen und sie innerlich zum Leben erwecken; das ist das kognitive Fühlen. Leidenschaften wie Lust, Angst und Ekel haben eine elementare Kraft und schwanken typischerweise zwischen Sympathie und Antipathie. Das Fühlen hingegen hat das Potenzial, in die genaue Natur einer Qualität oder eines lebendigen Prozesses einzutauchen; dieses Potenzial ist wesentlich für jedes künstlerische Verständnis. Ebenso kann das Fühlen zu Organen einer hochdifferenzierten wissenschaftlichen Wahrnehmung kultiviert werden. Das kognitive Fühlen hat den Charakter des Denkens, aber auch des Wollens in dem Maße, wie es bewusst auf ein Phänomen gerichtet ist. Ein hochbewusstes, kognitives Fühlen hat den Charakter eines inneren Erlebens; es ist nicht abstrakt oder bloß begrifflich.


Diese lebendige innere Erfahrung ist nicht subjektiv, denn durch sie nehmen wir das Wesen eines Phänomens wahr. Zum Beispiel ist die unmittelbare sinnliche Erscheinung der Farbe Blau noch kein kognitives Gefühl. Das Fühlen, das an der Farbe Blau teilhat, erlebt ihre wesentliche ästhetisch-moralische Natur, ihre gestische Qualität. Wir nehmen wahr, dass Blau sich in sich selbst zurückzieht; es "strahlt nach innen". Im Gegensatz dazu strahlt Gelb nach außen in alle Richtungen aus. Wir können dies als die gestische Sprache dieser Farben bezeichnen, die wir durch kognitives Fühlen wahrnehmen. Die "moralische" Natur von Blau bezieht sich auf seine "kühle" Innerlichkeit, Gelb auf seine überschwängliche Äußerlichkeit.



So offenbaren sich Farben und Lebewesen in komplexer Weise als "Sprache der Natur", die durch kognitives Empfinden gelesen werden kann. Wie die Physiognomik, die den Charakter einer Person durch äußere "Anhaltspunkte" wie Körperhaltung, Gang und Gesichtsausdruck erkennt, so gibt es auch eine Physiognomik der natürlichen Formen. Als Dichter war Goethe prädisponiert, eine qualitative oder physiognomische Wissenschaft zu entwickeln.


Weiterführende Literatur:


Hoffmann, Nigel (2020): Die Universität an der Schwelle. Orientierung durch Goethesche Wissenschaft. Forest Row, Großbritannien 2020.

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